Achtsamkeit

Achtsamkeit

Warum weniger Lärm mehr verändert,
wenn Achtsamkeit zur Haltung wird

Achtsamkeit ist die Entscheidung, das zu bemerken, was gerade wirklich ist – und nicht das, was mein Kopf daraus macht.

Sie ist keine Technik und keine Übung, die man abhaken kann. Sie ist eine Haltung, und man kann sie in jeder Minute neu einnehmen: beim Spülen, im Auto, im Gespräch, im Wartezimmer.

Sie ist auch kein Zustand ohne Gedanken. Gedanken hören nicht auf, das tun sie nie. Achtsamkeit heißt nur: Ich merke, dass ich denke. Der kleine Abstand zwischen mir und dem Gedanken – das ist schon alles.

Es ist ein bisschen wie mit einem Sonnenstrahl im Wald. Im Licht sieht man auf einmal, wie viel in der Luft schwebt. Nicht, weil plötzlich mehr da wäre. Sondern weil man es jetzt sieht.

Warum fällt mir Achtsamkeit so schwer?

Weil unser Kopf fast nie dort ist, wo wir gerade sind – er ist im Gestern oder im Morgen.

Kennst du das? Du duschst und führst dabei ein Gespräch von gestern zu Ende. Du isst und weißt hinterher nicht, wie es geschmeckt hat. Du hörst jemandem zu und legst dir währenddessen schon deine Antwort zurecht. Du liegst abends im Bett und die Gedanken drehen sich weiter, obwohl der Tag längst vorbei ist.

Das ist keine Schwäche. Der Verstand hat gelernt, dass er uns schützt, wenn er vorausdenkt. Er meint es gut. Er hört nur nicht von selbst wieder auf.

Und noch etwas macht es schwer: Wenn es still wird, kommt hoch, was wir übertönt haben. Manchmal meldet sich dabei etwas sehr Altes, dein Inneres Kind. Deshalb greifen viele zum Telefon, sobald eine Lücke entsteht – nicht aus Langeweile, sondern aus Vorsicht.

Ist Achtsamkeit dasselbe wie Meditation?

Nein. Meditation ist eine Übung mit Anfang und Ende. Achtsamkeit ist die Haltung, die man auch mitten im Tag haben kann.

Meditation kann helfen, diesen Muskel zu trainieren. Aber niemand muss zwanzig Minuten auf einem Kissen sitzen, um achtsam zu leben. Drei bewusste Atemzüge vor dem Aufstehen sind mehr wert als eine Meditation, die man sich vornimmt und dann doch nicht macht.

Ich sage das so deutlich, weil mir immer wieder Menschen begegnen, die an ihrer Meditationspraxis scheitern und daraus schließen, Achtsamkeit sei nichts für sie. Das stimmt nicht. Sie haben nur die Form mit der Sache verwechselt.

Wie übe ich Achtsamkeit im Alltag?

Indem du einen einzigen alltäglichen Vorgang aussuchst und ihn eine Woche lang bewusst tust.

Nicht alles auf einmal. Ein Vorgang. Der erste Schluck Kaffee. Der Weg zum Briefkasten. Das Händewaschen. Immer derselbe, damit er zum Anker wird.

Und wenn der Kopf abschweift – und er wird abschweifen –, dann ist genau das die Übung. Bemerken. Zurückkommen. Ohne Ärger über dich selbst. Das Zurückkommen ist die Achtsamkeit, nicht das Dableiben.

Ein zweiter Anker, der bei mir immer funktioniert: die Füße. Wo stehen sie gerade? Was spüren sie? Der Körper ist immer im Jetzt. Er ist die kürzeste Abkürzung dorthin.

Was dagegen fast nie funktioniert, sind Vorsätze mit Uhrzeit. „Ab morgen jeden Abend eine halbe Stunde“ hält bis Donnerstag. Achtsamkeit lebt nicht von der Dauer, sondern von der Häufigkeit. Zwanzig Sekunden, zehnmal am Tag, verändern mehr als eine Stunde am Sonntag.

Und ein dritter Anker: Dankbarkeit. Wer bemerkt, was da ist, ist schon achtsam – das eine geht gar nicht ohne das andere.

Was verändert sich, wenn ich achtsam werde?

Zuerst nichts Sichtbares – und dann fast alles. Der Reihe nach.

Als Erstes fällt auf, wie oft man gar nicht anwesend war. Das ist ein ernüchternder Moment, und er gehört dazu.

Dann kommt der Abstand. Zwischen dem, was passiert, und dem, was du tust, entsteht eine Lücke. Erst eine Sekunde, dann zwei. In dieser Lücke steckt die ganze Freiheit – dort entscheidest du, ob du antwortest oder zurückschlägst.

Ein einzelner Tautropfen an einem Grashalm im Morgenlicht, in dem sich die ganze Wiese spiegelt. Sinnbild für Achtsamkeit: ein Augenblick, ganz wahrgenommen.

Ein einziger Augenblick, ganz wahrgenommen, enthält mehr als ein ganzer zerstreuter Tag. So wie in einem einzigen Tautropfen die ganze Wiese steht.

Und irgendwann wird leiser, was vorher deine Seele übertönt hat. Genau darum geht es in meiner Arbeit mit dem Bewusstsein: zu sehen, was den Blick verstellt, und es nach und nach abzuräumen.

Was mir dabei geholfen hat

Mir hat geholfen, mir nichts vorzunehmen, was ich an einem schlechten Tag nicht auch schaffe.

Alles, was zu groß war, habe ich nach zwei Wochen wieder liegen lassen. Geblieben sind drei Atemzüge, bevor ich das Auto starte. Lächerlich klein. Und genau deshalb habe ich es heute noch.

Der Rest kam von selbst. Nicht als Ergebnis, sondern als Nebenwirkung.

Du musst nicht erst ruhiger werden, um anzufangen. Du fängst an – und die Ruhe kommt hinterher.

Häufige Fragen zur Achtsamkeit

Wie lange dauert es, bis Achtsamkeit wirkt?

Die erste Wirkung ist sofort da: In dem Moment, in dem du bemerkst, dass du abgeschweift bist, warst du bereits achtsam. Dass es leichter wird und länger anhält, merken die meisten nach einigen Wochen.

Muss ich beim Üben die Augen schließen?

Nein. Das meiste lässt sich mit offenen Augen üben, mitten im Tun. Geschlossene Augen helfen nur dann, wenn außen gerade zu viel los ist.

Ich schweife ständig ab. Mache ich etwas falsch?

Nein, du machst es richtig. Das Abschweifen gehört dazu und hört auch nie ganz auf. Geübt wird das Zurückkommen, nicht das Dableiben.

Ist Achtsamkeit etwas Spirituelles oder etwas Psychologisches?

Beides. Sie wird in beiden Richtungen gelehrt und wirkt unabhängig davon, wie man sie einordnet. Du musst dich also nicht entscheiden, um damit anzufangen.

Andrea Schmucker
Geschrieben von Andrea SchmuckerAkasha Chronik Lehrerin und Bewusstseinsheilerin