Vergebung

Vergebung

Warum Vergebung nichts entschuldigt,
sondern dich freilässt

Vergebung heißt, den alten Schmerz loszulassen – nicht, das Geschehene gutzuheißen. Vergebung passiert zuerst in dir und erst danach vielleicht zwischen zwei Menschen. Sie braucht kein Gespräch, keine Entschuldigung und nicht einmal die Anwesenheit des anderen.

Solange wir jemandem etwas nachtragen, halten wir etwas fest, das uns nicht dient. Wir bestrafen damit niemanden außer uns selbst – und an der Situation ändert es nichts.

Vergebung nimmt dem Geschehenen nicht seine Bedeutung. Sie nimmt ihm die Macht über heute.

Heißt Vergebung, dass ich es gutheißen muss?

Nein. Vergebung entschuldigt nichts, erklärt nichts für in Ordnung und verlangt keine Versöhnung.

Das ist das größte Missverständnis bei diesem Wort, und es hält viele Menschen davon ab, es überhaupt zu versuchen. Wer vergibt, sagt nicht: Es war nicht schlimm. Er sagt: Ich trage es nicht länger.

Unrecht bleibt Unrecht. Wer verletzt wurde, wurde verletzt – und die Verantwortung dafür trägt immer der, der gehandelt hat, nicht der, dem es geschehen ist.

Vergebung heißt auch nicht, dass jemand wieder in dein Leben gehört. Du darfst vergeben und trotzdem Abstand halten. Beides zusammen ist oft die gesündeste Form.

Und du musst nicht vergeben. Es gibt dafür keinen Zeitplan und keine Pflicht. Wenn es heute nicht geht, ist das kein Versagen, sondern eine Auskunft darüber, wo du gerade stehst.

Warum tut Nachtragen mir selbst am meisten weh?

Weil du dabei die Energie von damals immer wieder neu aufrufst.

Groll ist anstrengend. Er will gepflegt werden, immer wieder erzählt, immer wieder gefühlt. Und er hält uns an einem Ort fest, an dem wir längst nicht mehr sein wollen.

Damit ist ausdrücklich nicht gesagt, dass Krankheit aus Groll entsteht. Das wäre eine Behauptung, die niemandem hilft und viele Menschen kränkt, die ohnehin schon genug tragen.

Gemeint ist etwas Einfacheres und Nachprüfbares: Wer den alten Schmerz täglich neu anfasst, hat weniger Kraft für das, was heute ansteht.

Was hat Vergebung mit der Opferrolle zu tun?

Solange die Vergangenheit bestimmt, wie es dir heute geht, bestimmst nicht du.

Das ist kein Vorwurf, sondern eine Beschreibung. Wer festhält, überlässt die Entscheidung über das eigene Befinden einem Menschen, der vielleicht längst nicht mehr da ist.

Wie sich dieses Muster anfühlt und woran man es erkennt, steht ausführlicher auf der Seite zur Opferrolle.

Vergebung ist deshalb weniger ein Geschenk an den anderen als ein Akt der Selbstermächtigung: Du entscheidest, ob das Geschehene weiter Wirkung haben darf.

Wie kann Vergebung geschehen?

Sie beginnt mit einer Entscheidung – und braucht danach meist Zeit und Wiederholung.

Der erste Schritt ist, die Tatsachen anzuerkennen, so wie sie waren. Nicht schönreden, nicht kleinreden. Erst was anerkannt ist, kann losgelassen werden.

Wenn dir ein Mensch zu nah ist, um ihm zu verzeihen, versuch es mit dem Satz: „Meine Seele vergibt deiner Seele.“ Vielen fällt das leichter, weil er nichts entschuldigt und trotzdem etwas löst.

Es gibt schöne Rituale dafür. Ein Feuerritual zum Beispiel: alles aufschreiben, was noch drückt, und den Brief anschließend verbrennen. Nicht als Zauber, sondern weil eine Handlung manchmal ankommt, wo ein Gedanke nicht hinreicht.

Und wenn ein Schmerz sehr alt ist und sich mit gutem Willen nicht bewegen lässt, braucht es Begleitung. In den Cosmic Healing Sitzungen gehen wir dorthin, wo diese Information entstanden ist, und lösen sie an ihrem Ursprung.

Zerbrochene Keramikschale, mit goldenen Nähten wieder zusammengefügt – ein Sinnbild für Vergebung in der Bewusstseinsarbeit von Andrea Schmucker
Gedanke dahinter: Die japanische Kintsugi-Schale sagt genau das, was der Text sagt: Der Bruch wird nicht weggeredet, er bleibt sichtbar – und er zerstört das Ganze trotzdem nicht.

Und wie vergebe ich mir selbst?

Indem du dir zugestehst, dass du damals nicht mehr wusstest, als du damals wusstest.

Die meisten Menschen sind mit sich strenger als mit jedem anderen. Wir verzeihen einer Freundin in zehn Minuten, was wir uns selbst seit zwanzig Jahren nachtragen.

Dabei hilft eine einfache Frage: Was hätte ich damals gebraucht, um es anders zu machen? Fast immer lautet die Antwort: etwas, das ich damals nicht hatte.

Das ist keine Ausrede. Es ist der Unterschied zwischen Verantwortung und Selbstbestrafung. Verantwortung übernimmt man und geht weiter. Selbstbestrafung bleibt stehen.

Was mir dabei geholfen hat

Mir hat geholfen zu begreifen, dass Vergebung nichts mit dem anderen zu tun hat.

Ich habe lange gedacht, ich müsste erst etwas verstehen oder eine Entschuldigung bekommen, damit ich loslassen darf. Also habe ich gewartet. Manchmal jahrelang.

Bewegt hat sich erst etwas, als ich gemerkt habe: Ich warte auf jemanden, der gar nicht kommt – und in der Zwischenzeit lebe ich nicht.

Je öfter ich losgelassen habe, umso leichter wurde es. Und umso weniger Platz nahm das Alte überhaupt noch ein.

Und dann ist da diese leise innere Stimme, die sagt: „Du darfst es hier lassen. Es muss nicht mit.“

Denk heute an eine einzige alte Sache, die du noch mit dir trägst. Nicht lösen. Nur bemerken, dass du sie noch trägst.

Gedanke hinter dem Kopfbild: Eine Brücke verbindet zwei Ufer, ohne dass eines von beiden sich verändern müsste – und der Nebel, der sich hebt, ist genau der Moment, in dem etwas wieder frei wird.

Häufige Fragen zur Vergebung

Muss ich mich mit dem Menschen versöhnen, wenn ich vergebe?

Nein. Vergebung und Versöhnung sind zwei verschiedene Dinge. Du kannst innerlich Frieden schließen und trotzdem entscheiden, dass dieser Mensch nicht mehr in dein Leben gehört. Bei Gewalt oder Missbrauch ist Abstand sogar der gesündere Weg.

Was ist, wenn ich noch nicht vergeben kann?

Dann ist es noch nicht so weit, und das ist in Ordnung. Vergebung lässt sich nicht erzwingen und braucht bei manchen Verletzungen Jahre. Schon die Entscheidung, irgendwann Frieden finden zu wollen, ist der erste Schritt.

Kann ich jemandem vergeben, der nicht mehr lebt?

Ja. Vergebung passiert in dir, nicht zwischen euch. Ein Brief, ein Ritual oder ein ausgesprochener Satz genügen – der andere muss davon nichts erfahren und nichts dazu tun.

Muss der andere sich entschuldigen, damit ich vergeben kann?

Nein, und darauf zu warten kostet oft Jahre. Eine Entschuldigung wäre schön, aber sie ist keine Bedingung. Du kannst deinen Frieden auch ohne sie finden.

Andrea Schmucker
Geschrieben von Andrea SchmuckerAkasha Chronik Lehrerin und Bewusstseinsheilerin